Vor 100 Jahren
Endlich Groß-Berlin (Teil 1)

von
Annemarie Lange

10/2020

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Der Novembersturm fegte wie manch anderes Gestrüpp auch die Barrikaden weg, die bisher die Bildung der Einheitsgemeinde Groß-Berlin verhindert hatten - eines Groß-Berlins, das räumlich und im Sprachgebrauch schon längst existierte.

Ein halbes Jahrhundert an Machtkämpfen zwischen preußischem Staat, brandenburgischen Provinzbehörden und Magistrat, an Konkurrenz und Eifersüchtelei zwischen den Gemeinden, deren Eingemeindung zur Debatte stand, war vorausgegangen. Schon die alte Sozialdemokratie mit ihrem Stadtverordneten Paul Singer hatte sich energisch für die Einheitsgemeinde eingesetzt, doch die Angst vor den   "roten", wenig steuerkräftigen proletarischen Vorortgemeinden hatte die Reaktion immer wieder zurückschrecken lassen. So war es 1911 lediglich zu einer Interessengemeinschaft, dem Zweckverband Groß-Berlin, und im Kriege zu einer "Brotkartengemeinschaft" gekommen. Doch im November 1918 nahm der preußische Volksbeauftragte des Innern Paul Hirsch - ein alter sozialdemokratischer Kommunalpolitiker und Stadtverordneter von Charlottenburg - die Sache in die Hand und ließ einen Verfassungsentwurf für die Einheitsgemeinde ausarbeiten. Die Presse griff die Frage auf, ließ bekannte Berliner zu Wort kommen - kurzum, die Öffentlichkeit wurde mobilisiert.

Eine Besprechung mit Gemeindevertretern und Vertretern der anliegenden Landkreise (Teltow, Niederbarnim, Osthavelland)  Ende November ergab eine starke Mehrheit für den Zusammenschluß. Es blieb einer Clique um den langjährigen Charlottenburger Oberbürgermeister Schustehrus vorbehalten, dagegen zu intrigieren. Sein Plan, Berlin mit vier selbständigen "Satellitenstädten" zu umgeben, das hätte der Bourgeoisie in den westlichen Vorortgemeinden gepaßt: brächte er doch "fördersame Konkurrenz"! Daß damit Berlin "zum Ersticken verurteilt" (2) ge­wesen wäre, daß dadurch weder die Wohnungs- und Siedlungs­frage noch das Verkehrs- und Versorgungsproblem vernünftig zu lösen war, störte die Herren nicht.

Auch in der Berliner Stadtverordnetenversammlung schlug die Debatte hohe Wellen, doch das Steuer stand auf Einheitsge­meinde. Die Sitzungen fanden jetzt öffentlich statt, und die Tri­büne nahm temperamentvollen Anteil. In den Stadtparlamenten der west- und südwestlichen Nachbarstädte prallten die Gegen­sätze noch härter aufeinander - bis zu Prügelszenen und von der bürgerlichen Rechten provozierten Krawallen, bei denen von den Tribünen sogar Stinkbomben flogen.

Der Verfassungsentwurf, der noch Mängel hatte, fiel bei der ersten und zweiten Lesung in der Verfassunggebenden Preußi­schen Landesversammlung durch. Die Deutschnationalen, die Volkspartei und das Zentrum waren grundsätzlich dagegen. Dafür waren USPD, SPD, ein Teil der Demokraten und vor allem die Vorortgemeinden im Osten und Norden. Erst in der dritten Lesung fand sich am 24. und 25. April 1920 endlich eine schwache Mehrheit. Der Druck der Bevölkerung und die wirtschaftli­chen Notwendigkeiten waren zu stark. Die "Berliner Börsen-Zei­tung" berichtete: "In der Preußischen Landesversammlung fand heute mittag die Schlußabstimmung über das Gesetz Groß-Ber­lin statt. Das Haus war dicht besetzt. Die Abstimmung erfolgte durch die Abgabe blauer Ja- und roter Nein-Karten. Im ganzen stimmten 317 Abgeordnete. Davon enthielten sich der Stimme 5. Für das Gesetz stimmten 164, dagegen 148, so daß das Groß-Ber­lin nur mit 16 Stimmen Mehrheit beschlossen ist. Das Abstim­mungsergebnis wurde auf der Linken mit lauten Bravo-Rufen, auf der Rechten mit ebenso lautem Zischen aufgenommen."(3) Am 1. Oktober 1920 trat das Gesetz in Kraft.

Die neue Stadtgemeinde Berlin (auf das Groß-Berlin verzich­tete man) vergrößerte sich nun von 6700 auf 87 810 Hektar - fast so viel wie die Insel Rügen. Aus 94 Ortsteilen, nämlich acht Stadtgemeinden (Berlin, Charlottenburg, Köpenick, Lichten­berg, Neukölln, Schöneberg, Spandau, Wilmersdorf), 59 Land­gemeinden und 27 Gutsbezirken wurden 20 Verwaltungsbezirke gebildet.(4) Die neue Hauptstadt zählte fast 4 Millionen Einwoh­ner (Alt-Berlin 1,9 Millionen). Sie war die bei weitem größte Stadt der Republik, flächenmäßig sogar die größte Stadt der Erde und nach der Einwohnerzahl die drittgrößte, nur von New York und London übertroffen. Mit ihrem etwa 48 000 Hektar umfassenden städtischen Grundeigentum (27 000 Hektar an landwirtschaftlichen Gütern, 21 000 Hektar an Wäldern) war Berlin zugleich zum größten deutschen Grundbesitzer gewor­den. Dem auf 275 Millionen Goldmark errechneten städtischen Vermögen stand aber eine Schuldenlast von 220 Millionen ge­genüber, ein schweres Erbe, das die neue Gemeinde übernahm.

Am 20. Juni 1920 fand die erste Gesamtberliner Stadtverordnetenwahl statt, nach dem neuen Verhältniswahlrecht und mit Par­teien, die es bisher (zum Beispiel das Zentrum) im Berliner Stadtparlament nicht gegeben hatte. Es setzte sich nunmehr aus 225 Mitgliedern zusammen. Davon errangen: die USPD 86, die SPD 39, die Deutsche Volkspartei 38, die Deutschnationale Volkspartei 26, die Deutsche Demokratische Partei 16, die Wirt­schaftspartei 12 und das Zentrum acht Sitze. (5) Stadtverordneten­vorsteher wurde der Arzt Dr. Hermann Weyl (USPD), ein lang­jähriger, verdienter Stadtverordneter. Die Wahlbeteiligung war mit 65 Prozent auffallend niedrig. Die KPD übte Wahlenthal­tung.

Viele bekannte Köpfe saßen wieder im Roten Rathaus, so von der USPD Adolph Hoffmann und Fritz Zubeil, von der SPD Hugo Heimann, Paul Hirsch, Wilhelm Pfannkuch; von den De­mokraten Justizrat Heinrich von Dove, ein kommunalpolitisch sehr reger Mann. Als neue Mitglieder kamen aber auch ein paar ausgesprochene Gegner und alte Feinde der Einheitsgemeinde hinzu, so Karl Steiniger (DNVP), der ehemalige Direktor des Groß-Berliner Zweckverbands, dessen Rechtsnachfolge Berlin antrat. Die freundliche Atmosphäre der Stadtverordnetenver­sammlung bei der Einführung des ersten Magistrats am 12. No­vember 1920 war trügerisch. Der Kampf um Groß-Berlin war noch lange nicht zu Ende.

Schon die Bildung des Magistrats und die Verteilung der De­zernate war nicht reibungslos vonstatten gegangen. Beanspruch­ten Ratsitze doch jetzt auch (was unter der Monarchie undenk­bar gewesen wäre) die SPD und die USPD entsprechend ihrer Stimmenmehrheit, und die bisher selbständigen großen Kom­munen wollten auch berücksichtigt sein. Der Stadtrat und Stadt­syndikus Friedrich C. A. Lange, ein Demokrat, notierte in sei­nem Tagebuch: "16.11.: Das erste Zusammentreten des neuen Magistrats im Magistrats-Sitzungssaal. Ein unfreundlicher, dunkler, muffiger Raum mit vorsintflutlichen Heizsäulen, ohne jede Ventilation, dessen lastender Eindruck noch durch die überlebensgroßen Ölbilder früherer Hohenzollern und Oberbürger­meister an den Wänden verstärkt wird ... Die Stimmung ist et­was frostig und förmlich, besonders dem Vorsitzenden gegen­über, der von den Unabhängigen devot mit Exzellenz angeredet wird. Wermuth selbst scheint immer noch Wert auf diesen Titel zu legen, den die übrigen Magistratsmitglieder bewußt vermei­den."(6)

Am 22. September 1920 war der parteilose frühere Berliner Oberbürgermeister Adolf Wermuth zum Stadtoberhaupt der neuen Einheitsgemeinde gewählt und drei Wochen später in sein Amt eingeführt worden. Ende November schon trat er nach Auseinandersetzungen im Magistrat zurück. Auch hatte sich in­zwischen die bisher stärkste Fraktion, die USPD, auf die er sich gestützt hatte, gespalten und war damit plötzlich ganz empfind-\ lieh geschwächt. Von ihren 86 Stadtverordneten verblieben ihr nur 62 unter Hermann Weyl, 24 Linke folgten Adolph Hoff­mann und gingen im Dezember 1920 in die KPD, die im Stadt­parlament bisher nicht vertreten war (Hoffmann selbst gehörte der KPD allerdings nur bis 1921 an). Nicht zuletzt trug ein Lohn­streik der städtischen Elektrizitätsarbeiter im November, der Berlin tagelang ohne Strom ließ, zum Rücktritt Wermuths bei. Am 20. Januar 1921 wurde der bisherige Stadtkämmerer Böß zu seinem Nachfolger gewählt, der bis 1929 das Amt des Oberbür­germeisters bekleidete.

Gustav Böß, Jurist und ehemaliger Korpsstudent, seit 1910 Stadtrat für Verkehrsfragen in Schöneberg, seit 1912 Berliner Stadtkämmerer, Mitglied der Demokratischen Partei, besaß ei­nigen Rückhalt bei den Rechtsparteien, wenn er hier auch unbe­liebt war. Er übernahm sein Amt in einer schwierigen Situation. Nicht nur, daß die Inflation jedes geordnete Budget unmöglich machte. Auch die neue Stadtgemeinde warf viele Streitfragen auf. Die Provinz Brandenburg und die Kreise Teltow, Niederbar­nim und Osthavelland stellten hohe Schadenersatzansprüche für den Verlust ihrer steuerkräftigsten Gemeinden, die nun zu Ber­lin gehörten. Innerhalb der Stadt selbst brauchte die Abgren­zung der Verwaltungskompetenzen zwischen Magistrat und Stadtbezirken Jahre. Der Berliner Magistrat trennte sich höchst ungern von der gewohnten Kleinarbeit; man mußte ihm Aufga­bengebiete, die in die Stadtbezirke gehörten, förmlich entreißen.

Alle Stadtbezirke mußten sich eine Bezirksverwaltung erst auf­bauen, darunter die Innenbezirke völlig neu, denn in Alt-Berlin hatte es keine Bezirkseinteilung gegeben. Der neue Bezirksbür­germeister von Berlin-Mitte, Fritz Schneider, ein ehemaliger Metallarbeiter und SPD-Funktionär, der "Benjamin" unter sei­nen Kollegen, war ehrgeizig und voller Tatendrang. Überhaupt kam wenigstens in der ersten Zeit durch manchen bisherigen Ar­beiter und Gewerkschaftsfunktionär ein frischerer Zug, Elan und Initiative in die routinemäßige Büroarbeit. Die alten Beam­ten, an Vorgesetzte mit juristischer Bildung gewöhnt, rümpften die Nase und erschwerten ihnen das Einarbeiten nach Strich und Faden. Auch mit den Bezirksbürgermeistern war es nicht immer einfach. Auf ihren Wunsch führte Böß regelmäßige Be­sprechungen mit ihnen ein, die häufig sehr temperamentvoll und aggressiv verliefen. Die Vielzahl der politischen Parteien, deren Zahl mit den Jahren immer mehr zunahm, und ihre stän­dige Umgruppierung wirkte sich für die Stadt sehr nachteilig aus. Die Bürgermeister, die der Deutschnationalen Volkspartei angehörten, machten oft durch Unsachlichkeit Schwierigkeiten. Böß trumpfte dann auf: der Magistrat werde beschließen - was weder der Zusammenarbeit noch seiner Autorität dienlich war.

All die vielen, früher eigenständigen Verwaltungen sollten sich nun einem größeren Gemeinwesen einfügen und ihren zum Teil aufgeblähten Beamtenapparat auf das Maß von Bezirksver­waltungen verringern. Auch neue Bezirksverordnete waren zu wählen. Das geschah erst im Oktober 1921, zugleich mit noch­maligen Stadtverordnetenwahlen, da die Rechtsparteien die Kommunalwahl vom Vorjahr angefochten und für ungültig hat­ten erklären lassen. Unter dem starken Einfluß der bürgerlichen Presse veränderte sich das politische Kräfteverhältnis nicht un­wesentlich: 115 von 225 Stadtverordneten, eine schwache Mehr­heit, gehörten nun bürgerlichen Parteien an (42 Deutschnatio­nale, 55 Volksparteiler, 12 Wirtschaftsparteiler(7), acht vom Zentrum, ein Deutschsozialer und 17 Demokraten). Die SPD erhielt 46 und die USPD nur 44 Mandate. Zum ersten Mal nahm auch die KPD an der Kommunalwahl teil und errang sofort 20 Sitze.

Bei den Bezirksverordnetenwahlen ergab sich dagegen nur für acht Stadtbezirke eine rechtsbürgerliche Mehrheit (Mitte, Tiergarten, Charlottenburg, Wilmersdorf, Zehlendorf, Schöne­berg, Steglitz und Pankow), während in zehn der übrigen zwölf Bezirke (Wedding, Prenzlauer Berg, Friedrichshain, Kreuzberg, Neukölln, Treptow, Köpenick, Lichtenberg, Weißensee und Rei­nickendorf) eine Mehrheit der drei Arbeiterparteien zustande kam. Hier faßten auch die Kommunisten am stärksten Fuß, vor allem im Wedding, in Reinickendorf, Neukölln und im Friedrichshain.

Übrigens veranstalteten konservative Kräfte in 26 Gemeinden und Gutsbezirken, darunter in Köpenick, Spandau und Zehlen­dorf, 1922 noch einmal einen Ausbruchversuch, indem sie beim preußischen Landtag den Antrag auf Ausgemeindung stellten. Bei einer Autobusrundfahrt des Landtagsausschusses im No­vember 1923 durch die eingemeindeten Orte des Kreises Teltow konnte sich der sehr rührige Landrat von Achenbach die Bemer­kung zu Böß nicht verkneifen: "Meine Herren, beachten Sie bitte, daß Sie jetzt auf den gepflegten Landstraßen des Kreises fahren und nicht mehr auf dem holprigen Pflaster der vernach­lässigten Ausfallstraßen Alt-Berlins." (8) In Nikolassee hatten sich längs der Chaussee Männer mit Plakaten "Los von Berlin" auf­gepflanzt. Achenbach ließ, wenn auch widerwillig, diese anstößi­gen Plakate seiner früheren Untertanen durch Gendarmen be­schlagnahmen. Auch in den Zehlendorfer Ortsteilen Cladow und Gatow bestanden solche Tendenzen, aber die Bevölkerung sprach sich bei einer Abstimmung größtenteils für den Verbleib in Berlin aus. Der Landtagsausschuß lehnte den Antrag ab. Da­mit fand der langjährige Krieg gegen die Einheitsgemeinde end­lich seinen Abschluß.

Anmerkungen

1) Siehe Annemarie Lange: Das Wilhelminische Berlin, S. 462ff.

2) Erster Verwaltungsbericht der neuen Stadtgemeinde Berlin für die Zeit vom 1. Oktober 1920 bis zum 31. März 1924, Berlin o. J., Heft 1, S. 12.

3)  75 Jahre Berliner Börsen-Zeitung, Berlin (1920), I. Teil, S. I. 106.

4) An Städten kamen hinzu: Charlottenburg mit 322 714 Einwohnern, Neukölln mit 262 414 Einwohnern, Schöneberg mit 178 207 Einwohnern, Lichtenberg mit 144 986 Einwohnern, Wilmersdorf mit 139 468 Einwohnern (Stand: 8. Oktober 1919). Siehe: Berlin in Zahlen, Berlin 1947, S. 28 und 18.

5)  Friedrich C. A. Lange: Groß-Berliner Tagebuch 1920-1933, Berlin-Lichtenrade (West) 1951, S. 7.

6) Ebenda, S. 9.

7) Wirtschaftspartei: politisch konservative Partei des deutschen Mittel­standes, gegründet in Berlin 1919. Sie vertrat besonders die Interessen der selbständigen Handwerksmeister und Kleingewerbetreibenden. Zu ihren Begründern gehörte der berüchtigte Berliner Bauspekulant Georg Haberland (siehe Annemarie Lange: Das Wilhelminische Berlin, S. 470, 483), der im Kriege enorme Gewinne mit Barackenbau in Polen gemacht hatte. Wegen der starken antisemitischen Strömung in der Wirtschafts­partei trat er indessen bald wieder aus.

8) Zit. in: Friedrich C. A. Lange: Groß-Berliner Tagebuch, S. 47/48.

Quelle:

Annemarie Lange, Berlin in der Weimarer Republik, Berlin 1987; S.301-307 - ocr-scan red. trend