Freuds biologistisches und mechanistisches Menschenbild
Leseauszug aus "Bürgerliche Philosophie und Revisionismus im imperialistischen Deutschland"

von Robert Steigerwald

10/2017

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Freuds Gegenüberstellung von Unbewußtem und Bewußtem ist die psychoana-lytische Version der lebensphilosophischen Konfrontation von Leben und Geist. Dem entspricht auch die Gegenüberstellung von Lust- und Realitätsprinzip, bei Zuordnung des ersteren zum biologisch-triebhaften „Es" und des Realitätsprin­zips zum rationalen „Ich" und „Über-Ich".
Damit wir nicht falsch verstanden werden: wir bestreiten nicht die Existenz eines Bereichs des Unbewußten, wie wir überhaupt die von Freud benutzten Tat­sachen nicht bestreiten (also Neurosen, deren nicht selten sexuelle Ursachen, Fehlleistungen, Zusammenhang von Träumen und Unbewußtem u. ä.), sondern die darauf aufgebauten Mythen.

Nach Freud ist das im wesentlichen irrationale Unbewußte die eigentliche Grundlage individueller psychischer Entwicklung. Dieses Psychische bildet sich in der Zeit vor dem Eintritt des Individuums in den Arbeitsprozeß heraus, sogar in seiner vorsprachlichen Entwicklung. Wir haben es mit einem Psychischen auf der Grundlage der Negation der Gesellschaft, der Sprache, der Arbeit und des Bewußtseins, mit einem letztlich prä-humanen Psychischen zu tun, das den Men­schen determiniert, der damit letztlich ent-humanisiert wird. Mehr noch: Der Mensch ist zwar psychisch determiniert, aber das Psychische ist irrational - das ist die psychoanalytische Version der lebensphilosophischen These von der „Ohn­macht des Geistes".

Wir haben es also mit angeborenen, angeblich biologischen Kräften, Instinkten, Trieben zu tun, die keiner äußeren Einflußnahme unterliegen, jedoch durch ur­geschichtliche Familienkatastrophen beeinflußt wurden! Das fand sogar seinen Niederschlag in erblichen psychischen Konstanten. Wir sagten schon, daß damit eine Art psychogenetisches Grundgesetz angenommen wird. Solche „Biologismen" bilden nach Freud die Grundlage unserer unbewußten, vorbewußten und bewuß­ten psychischen Entwicklung. Sie sind im Prinzip unräumlich und unzeitlich, also letztlich im Sinne der philosophischen Grundfrage Ideelles. Aber sie sind keines­wegs Ideelles im Hegeischen Sinne, das sich entwickelt, sondern sie sind unver­änderlich, im Hegeischen Sinne des Wortes: metaphysisch. Wenn es Entwicklung gibt, so nur als Entfaltung dieser angeborenen Kräfte. Und zwar geschieht dies auf der Grundlage eines Kampfes von zwei Grundtrieben (Lebens- und Todes­trieb). Deren Kampfpotential ist begrenzt durch das von Freud einfach aus der Mechanik (Energieerhaltungssatz) und von Nietzsche (unveränderliche Menge von Kraftquanten) in die Psychologie übernommene homöostatische Gleichge­wicht der „Triebenergie". Auf solcher Basis sind nur quantitative Verschiebungen möglich - darin besteht auch die Grundlage für Krankheit oder Gesundheit. Und dies allein ist im Freudismus Entwicklung, mehr nicht. Letztlich ist gesellschaft-| liches Leben also statisch. Erziehung, Veränderung, auch gesellschaftliche Re­formen sind unter diesen Bedingungen nur im Rahmen von Quantitätsverschiebungen innerhalb eines im ganzen gesehen notwendig statischen Systems möglich. Von daher ist die Psychoanalyse notwendig undialektisch.

Bewußtes ist in dieser Theorie das Resultat des mechanischen Spiels zweier un­bewußter Elemente, nämlich des Lebens- und Todestriebes. Wir haben es mit einer Entwicklungsstufe der Dialektik zu tun, in der bestenfalls bald das eine, bald das andere Prinzip stärker wirkt, also mit einer Schaukel-Dialektik, mit Stillstand unter dem Anschein von Bewegung. Es ist ein Rückfall weit hinter Hegels Niveau der Behandlung des Problems des Widerspruchs.

Die Entwicklungsfeindlichkeit in der Auffassung von einer Konvergenz beider Grundtriebe kann ebenfalls nicht übersehen werden. Dies ist alles andre als eine dialektische Synthese. Auch die Rückwärtsgewandtheit der Triebentwicklung, der Drang zum Tode, zum Zustand vor der Geburt, das ist alles andre als wirkliche Dialektik, als Entwicklung. Dies sagen wir nicht gegen Freud, der ja kein Dia­lektiker sein wollte, sondern gegen die Konfusionsräte des „Freudo-Marxismus".

Quelle: Robert Steigerwald, Bürgerliche Philosophoe und Revisionismus im imperialistischen Deutschland, Berlin 1980, S.166f