Erkenntnissse und Irrtümer in der griechischen Naturphilosophie

von Helmut Mielke

09/2019

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I. Vorbemerkung

Die folgende Darstellung ist eine Auswahl. Es wird bewußt darauf verzich­tet, die Vielzahl aller vertretenen spekulativen Meinungen in ihrer histori­schen Reihenfolge wiederzugeben. Der oberste Gesichtspunkt ist der einer Rückschau vom modernen Standpunkt auf jene naturphilosophischen An­schauungen der Griechen, die 1. Keime oder Ansätze echten wissenschaft­lichen Denkens enthalten, und die 2. den logisch-historischen Zusammenhang der Naturerkenntnis zeigen. Dabei werden wir uns bemühen, den antiken Denkern vorbehaltlos historische Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und epochebedingte Irrtümer, die sich bei näherer Untersuchung als notwendige Durchgangsetappen erweisen und die oft relative Wahrheiten enthalten, nicht einfach als falsch und überholt abzuwerten. Besonders jüngere Natur­wissenschaftler äußern häufig die Meinung, die naturphilosophischen An­schauungen der Griechen seien nur unter dem Aspekt einer Geschichte von Irrtümern zu betrachten; für die Entstehung der exakten Naturwissenschaf­ten seien sie so gut wie belanglos. Wir wollen auf diese Ansicht kurz ein­gehen.

Das Problem der Irrtümer in der griechischen Naturphilosophie erfordert von vornherein eine Differenzierung. Eine erste, wesentliche Einteilung führt zu folgendem Ergebnis: Es zeigt sich, daß die sogenannten „Irrtümer" der griechischen Naturphilosophie - und dies gilt prinzipiell für alle ihre Bereiche - in zwei große Klassen zerfallen: a) in die Klasse der Anschauun­gen - ohne Rücksicht auf deren konkrete und oft komplizierte Entstehungsur­sachen -, die nichts zum wissenschaftlichen Fortschritt beigetragen haben, im günstigsten Falle bloße Denkmöglichkeiten waren, oft als „Meinung" eine Zeitlang neben der richtigen Erkenntnis eine gleichberechtigte Existenz hatten und die im ungünstigsten Falle ein Hemmnis für die Entwicklung der naturwissenschaftlichen Erkenntnis waren; b) in die Klasse der Anschauun­gen, die entsprechend dem jeweiligen Entwicklungsstand der Beobachtung und des theoretischen Denkens notwendige Durchgangsetappen der natur­wissenschaftlichen Erkenntnis waren. Letztere enthielten oft Elemente, die der dialektischen Negation fähig waren und in der Folgezeit zu relativen Wahrheiten höherer Ordnung weiterentwickelt werden konnten.

Unter Punkt a) fallen viele naturphilosophische Spekulationen; vor allem gilt dies für einen großen Teil der kosmologischen Meinungen, die deshalb hier beiseite gelassen werden. Es muß jedoch betont werden, daß auch diese ganze Gruppe von Vermutungen, Meinungen usw., obgleich sie - vom Stand­punkt der fortgeschrittenen Naturwissenschaft aus gesehen - Irrwege dar­stellten, die historisch notwendige Begleiterscheinungen des erwachenden wissenschaftlichen Denkens waren. Daß solche Irrwege nicht nur im wissen­schaftlichen Denken der Antike beschritten wurden, dafür ließen sich auch Beispiele aus der neueren Wissenschaftsentwicklung anführen, in der so mancher oft mühsam verfolgte Weg auf Grund neuer Einsichten schließlich wieder verlassen werden mußte. Für die Einschätzung dieser Gruppe von naturphilosophischen Anschauungen der Antike ist jedoch ein anderes we­sentliches Moment maßgebend: und zwar der Umstand, daß in der Frühzeit des wissenschaftlichen Denkens der Übergang vom mythologischen zum ra­tionalen Weltbild vollzogen werden mußte, daß dieser Übergang aber zu­nächst nicht anders erfolgen konnte, als daß die mythologischen Phantasien durch rationale Spekulationen ersetzt wurden.

Das menschliche Bewußtsein hatte, sobald es über den naiv-realistischen, also völlig unreflektierten Anfangszustand der Umwelterfassung hinaus war, sogleich viele der großen weltanschaulichen Fragen aufgeworfen, die uns auch heute noch bewegen. Zu diesen Fragen gehören z. B. die nach Ursprung und Beschaffenheit der Erde und des Weltalls, Entstehung der Lebewesen, des Bewußtseins usw. Hätte sich das wissenschaftliche Denken in positivisti-scher oder auch nur relativistischer oder skeptizistischer Beschränkung auf die jeweils als empirisch gesichert angesehenen Erkenntnisse entwickelt, so hätten alle diese Fragen als unbeantwortbar abgewiesen werden müssen. Dieser Standpunkt wird auch heute noch von manchen positivistisch beein­flußten und mit historischer Denkweise unzureichend vertrauten Naturwis­senschaftlern vertreten.

Hätte sich die wissenschaftliche Erkenntnis diesem Standpunkt gemäß ent­wickelt, so wäre es wohl kaum zu jenen Ansätzen einer theoretischen Erfas­sung der Welt gekommen, wie sie uns die Antike bietet, und die Wissenschaft hätte sich auf den Bahnen eines platten Empirismus fortbewegen müssen. Nachdem diese großen weltanschaulichen Fragen aber einmal gestellt waren, was für sich genommen schon eine wesentliche Leistung menschlichen Den­kens war, suchte man nach jeder Art von sinnvoll oder auch nur zweckmäßig erscheinenden Antworten. Diese wurden gegeben vom spekulativen Denken der Naturphilosophie. Das ist im Grunde genommen nichts anderes als das Durchlaufen des dialektischen Weges von Möglichkeit und Wirklichkeit im Erkenntnisprozeß.

Ein Musterbeispiel für die unter b) genannten Irrtümer ist die aristotelische Erklärung der Bewegung. Hält man sich vor Augen, wie unermeßlich schwie­rig es war, die Eigenschaft der trägen Masse, deren Erkenntnis eine notwen­dige Bedingung für die richtige Auffassung von der Bewegung ist, zu ent­decken,(1) so muß man den Erklärungsversuch der Bewegung, den Aristoteles unternahm und der erst durch seine viel später aus religiös-weltanschaulichen Gründen erfolgte Dogmatisierung zu einem Hemmnis des naturwissenschaftlichen Fortschritts wurde, als einen notwendigen Schritt anerkennen und darf ihn keineswegs vom Standpunkt der heutigen systematischen Darstellung der Mechanik aus als völlig falsch und nutzlos abtun.

Unsere Darstellung will einmal den entwicklungsmäßigen Zusammenhang der griechischen Naturphilosophie im Umriß geben, zum anderen werden : die Knotenpunkte der Beziehung zwischen Philosophie und Naturwissen­schaften, genauer der physikalischen Wissenschaften, durch ausführlichere Behandlung hervorgehoben. Es sind dies vor allem die Lehren der Pytha-goreer, der Schule Demokrits und des Aristoteles. Der Piatonismus gehört -was die Erklärung der physikalischen Erscheinungen angeht - nicht zu ihnen. Seine Bedeutung für die Entwicklung der Naturwissenschaft liegt ausschließ­lich im Bereich der Mathematik. Neben diesen drei Schwerpunkten geben wir noch - und das soll den wesentlichen Etappen des entwicklungsmäßigen Zusammenhangs der naturphilosophischen Ideen der Griechen Rechnung tra­gen - einen zusammenfassenden Überblick über die erste Etappe des griechi­schen philosophischen Denkens, die ionische Naturphilosophie, sowie über die naturphilosophischen Anschauungen der eleatischen Schule, deren Be­handlung der Bewegung wichtig ist. Wie bereits angedeutet, wird es uns dabei in erster Linie darauf ankommen, jene Ansichten, Spekulationen usw. der antiken Naturphilosophie zu würdigen, die - vor allem im Hinblick auf Theorienbildung relevante - Ansätze zu echtem wissenschaftlichen Den­ken darstellen.

Will man das Wesentliche der naturphilosophischen Periode der griechi­schen Philosophie kurz zusammenfassen, so erhält man folgendes Bild: Die griechische Naturphilosophie ist trotz ihres spekulativen Charakters und der sich daraus ergebenden Irrtümer eine notwendige und bedeutsame Etappe der menschlichen Naturerkenntnis. Ihre bleibende Bedeutung besteht vor allem darin, daß sie sich von der mythologischen Naturerklärung abwandte und daß sie der Beginn der rationalen Deutung der Welt ist. Damit sind einige erkenntnistheoretische Grundsätze verbunden: a) Die Welt existiert unabhängig und außerhalb des menschlichen Bewußtseins und ist dem Men­schen als Objekt gegeben (Objektivierung, Materialismus); b) Die Welt ist erkennbar mit den Mitteln der menschlichen Wahrnehmung und des mensch­lichen Verstandes; die Erkenntnis bedarf keiner Offenbarung. Dies ist der allgemeine Aspekt der weltanschaulichen Fundierung der Wissenschaften.

Im einzelnen (wobei zu beachten ist, daß auch diese Details allgemeiner Natur sind) sind besonders zwei Leistungen der griechischen Naturphilo­sophie hervorzuheben: a) die Atomistik als eine relative Wahrheit von bleibendem Wert, die der bedeutendste und leistungsfähigste heuristische unc| methodologische Leitfaden der gesamten Naturerklärung in der Epoche der sogenannten klassischen Naturwissenschaft war, und b) der Gedanke von der Mathematisierbarkeit der Naturerkenntnis, der durchaus nicht - wie wir heute vielfach meinen - selbstverständlich war und der eine der wicht tigsten methodologischen Voraussetzungen der exakten Naturerkenntnis ist.

Für Vertreter des dialektischen Materialismus unter den Naturwissenschaftlern ist die historische Würdigung der antiken Naturphilosophie an­gesichts der Thesen der materialistischen Philosophie über den historischer Charakter der menschlichen Erkenntnis eine Selbstverständlichkeit. Auel nichtmarxistische Naturwissenschaftler von Rang - so zum Beispiel Werner Heisenberg und Erwin Schrödinger - haben mit Nachdruck auf ihre fundamentale Bedeutung hingewiesen. Sie waren sich aber auch des Mangels bewußt, daß heute, im Zeitalter der zunehmenden wissenschaftlichen Spezialisierung und der gegenüber der historischen Darstellung der Entwicklung der Naturwissenschaft bei weitem dominierenden Darlegung der Naturwissenschatten vom rein systematischen Standpunkt aus viele, besonders Jüngern Wissenschaftler (vor allem wegen des ständig rapide anwachsenden Fundus der einzelwissenschaftlichen Erkenntnisse der Gegenwart) noch keine Zeil und Gelegenheit gefunden haben, sich ein Bild von der Bedeutung der an­tiken Naturphilosophie zu machen. In manchen Fällen führte dieses Nicht wissen und die damit verbundene Verständnislosigkeit zu einer grundfal­schen, unhistorischen Unterschätzung der gewaltigen Erkenntnisschwierigkeiten jener Anfangsperiode und der zu ihrer Überwindung unternommenes ersten Versuche. Die vorliegende Arbeit soll dazu beitragen, dieses unangemessene Urteil zu korrigieren.

Anmerkungen

1) Siehe dazu die wertvollen Arbeiten von Anneliese Maier, Die Impetustheorie der Scholastik, Wien 1940, und An der Grenze von Scholastik und Naturwissenschaft, Essen 1943.

Editorische Hinweise

Der Text wurde entnommen aus: Günter Kröber (HG), Wissenschaft und Weltanschauung in der Antike, Berlin 1966, S. 121-124